| Deutschbaltische | ![]() |
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| Interview von Dr. Giovanni de Martis mit
Dr. Matthias Schroeder, dem Autor der vor kurzem
publizierten Studie "Deutschbaltische SS-Fuehrer und Andrej Vlasov
1942-1945. Erhard Kroeger, Friedrich Buchardt und die "Russische
Befreiungsarmee 1942-1945", erschienen im Schoeningh Verlag Paderborn
2001. |
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| De Martis:
In Ihrer Studie "Deutschbaltische SS-Fuehrer und Andrej Vlasov (...)"
haben Sie zu den Biographien zweier SS-Offiziere geforscht, die während
des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion Befehlshaber von Einsatzkommandos
des SD in Russland waren. Wie kann man Kroeger und Buchardt charakterisieren?
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| Schroeder: Beide gehoerten der jungen Generation der Jahrgaenge 1905-1910 an, die sich bereits in den zwanziger Jahren politisch fuer den Nationalsozialismus engagiert hatten. Beide studierten Jura, waren Intellektuelle und Fuehrungspersoenlichkeiten, karrierebewusst und als Deutschbalten stark antikommunistisch gepraegt. Kroeger und Buchardt sahen die SS als elitaere Ordensgemeinschaft und in der SS die Chance, die politische Idee des Nationalsozialismus mit der praktischen Umsetzung zu verbinden, sie fuehlten sich also als "politische Soldaten". Vor allem den Krieg im Osten sahen sie als "Kreuzzug" gegen Russland. | Matthias Schroeder, Deutschbaltische
SS-Fuehrer und Andrej Vlasov 1942-1945. Erhard Kroeger, Friedrich Buchardt
und die "Russische Befreiungsarmee" 1942-1945, Schoeningh Verlag Paderborn 2001, ISBN 3-506-77520-0, 256 Seiten mit Bildteil, Festeinband, Preis 30,60 Euro. Information & Bestellung unter: www.schoeningh.de |
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| In Ihrer Arbeit kann man lesen, dass diese beiden SS-Offiziere nach 1945 als informelle "Ostspezialisten" für amerikanische Geheimdienste, u.a. dem CIA, taetig waren. Ist dies der Grund, warum Kroeger erst 1969 vor Gericht gestellt wurde und Buchardt niemals verurteilt wurde? | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Der gesamte Umfang der Zusammenarbeit zwischen angloamerikanischen
Geheimdiensten und NS-Kriegsverbrechern nach 1945 ist immer noch nicht
ausreichend geklaert, auch sind nicht alle Geheimdienstakten zugaenglich.
Im Fall Friedrich Buchardts kann anhand von Akten der Geheimdienste CIA
und CIC festgestellt werden, dass den Geheimdiensten bewusst war, einen
mutmasslichen "major war criminal" zu beschaeftigen. Ein CIC-Bericht
von 1950 konstatiert, dass Buchardt bis 1947 fuer einen britischen
Geheimdienst taetig war, "thereby escaping punishment for his
crimes". Buchardt stehe, so der CIC Bericht von 1950, unter dem Schutz
einer amerikanischen "Intelligence agency". Der berichtende
Agent befuerchtete Probleme, da die deutsche Justiz gegen Buchardt ermittelte!
Dass Buchardt niemals verurteilt wurde, koennte also auch hiermit zusammenhaengen.
Erhard Kroeger hingegen war nicht für Geheimdienste taetig, sondern
lebte unter falschem Namen bis 1954 in Bayern, bis 1962 arbeitete er in
Tuebingen. 1962 floh er vor der Verhaftung nach Italien, lebte drei
Jahre in Bologna, wurde aber von dort nicht ausgeliefert, obwohl
sein Aufenthalt der italienischen Justiz bekannt war! Erst 1965 konnte
Kroeger in der Schweiz verhaftet und an Deutschland ausgeliefert werden.
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| Von Januar 1943 bis Maerz 1944 diente Buchardt
als Kommandant des Einsatzkommando 9. Haben Sie in Ihrer Untersuchung
Fakten gefunden, die eine Beteiligung an der "Endloesung"
in Russland nahelegen? |
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| Buchardt schrieb 1969 in einem Brief, es sei ihm bewusst gewesen, dass eine politische Karriere in der SS nicht ohne die Absolvierung der geforderten "Frontbewaehrung" moeglich gewesen sei. Er hatte akzeptiert, dass ein SD-Einsatz im Osten auch die physische Eliminierung von "Gegnern" einschloss, um die "voelkische Flurbereinigung" im Sinne des Nationalsozialismus umzusetzen. Buchardt war beim deutschen Ueberfall auf die Sowjetunion Mitglied des "Vorkommando Moskau" (EK 7c) in der Einsatzgruppe B. Buchardt war hier Verbindungsoffizier zwischen Arthur Nebe und Franz Alfred Six und hatte genaue Kenntnisse ueber die befohlenen "Kollektivmassnahmen". Von Anfang 1942 bis Mae 1943 war Buchardt SD-Abschnittsleiter in Lodz und Zeuge der Deportationen aus dem Ghetto Lodz. Von Februar/Maerz 1943 bis Anfang 1944 war Buchardt Fuehrer des Einsatzkommando 9 der Einsatzgruppe B mit Sitz in Vitebsk. Eine direkte Teilnahme Buchardts an Erschiessungen kann zwar anhand der Akten nicht bewiesen werden, aber der offizielle Einsatzbefehl seiner Einsatzgruppe beinhaltete die "Beratung der Truppenfuehrer bei der Durchführung von Kollektivmassnahmen", also Judenerschiessungen. Mehr zu Buchardts Einsatz im Osten koennen sie dem ausfuehrlichen Kapitel in meinem Buch entnehmen. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Warum haben Sie sich für die Geschichte Andrej Vlasovs und seiner "Russischen Befreiungsarmee", zusammengesetzt aus russischen Kriegsgefangenen, die von der SS rekrutiert wurden, interessiert? | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Weil bislang eigentlich nur das Engagement der Wehrmacht
für General Vlasov bekannt war. Ich habe aber festgestellt, dass
es in der SS eine Gruppe von Offizieren um Erhard Kroeger und Friedrich
Buchardt gegeben hat, die ohne das nationalsozialistische Eroberungskonzept
in Frage zu stellen, dafür plaedierten die Vlasov-Armee in den Kampf
gegen Stalin einzubinden. Es gab eine ostpolitische Auseinandersetzung
in der SS, die auf der einen Seite meist von Deutschbalten gefuehrt wurde.
1944/45 arbeitete Kroeger im SS-Hauptamt und Buchardt im Reichssicherheitshauptamt,
also an zentralen Positionen in der SS. Das ist hochinteressant und bislang
wenig erforscht worden. Die SS war eben kein ostpolitischer Monolith.
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| Bearbeiten Sie derzeit ein neues Forschungsprojekt oder historische Studie? | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Ich arbeite derzeit an zwei biographischen Studien: eine Studie zu dem SS-Propagandachef Gunter D'Alquen und einer anderen Studie zum General der Freiwilligen Ernst Koestring. Leider verfuege ich über keine Stelle als Historiker an einer Universitaet oder an einem Institut, sondern arbeite freiberuflich. Das macht die Finanzierung meiner Forschungen sehr schwierig. Die Arbeitsmarktsituation fuer Historiker in Deutschland ist leider sehr schwierig. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Biography of Dr. Matthias Schroeder | ![]() |
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